Commentaria in Aristotelem Graeca et Byzantina

Vorstufe

Beschreibung Lond. Harl. 6322

Nachweis: Vereinigtes Königreich, London, British Library, Harley Mss., Lond. Harl. 6322
Datierung:

15. Jh. 3. Viertel

Beschreibstoff: Papier
Format: 295 × 210 mm
Folienzahl: ff. 305

Inhalt

Physische Beschaffenheit

Beschreibstoff

Papier

Wasserzeichen

  • ff. 110, 11/18, 4974: Dreiberg mit Kreuz, ähnlich Br. 11722 (Savoyen 1413–1423, mit Varianten Deutschland, Frankreich, Italien 1421–1450).
  • ff. 1217, 1948, 165/174: Lilie mit Krone, Typ Br. 7226 (La Chaussée 1482, mit Varianten Frankreich, Deutschland 1483–1492). ff. 75164, 166173, 175305: Krone, ähnlich Br. 4879 (Ferrara 1458), Pi. ohne Beleg.

Format

295 × 210 mm

Folienzahl

ff. 305

Lagen

1 × 10 (10), 1 × 8 (18), 4 × 10 (58), 2 × 8 (74), 19 × 10 (264), 1 × 2 (266), 3 × 10 (296), 1 × 8 (304), 1 × 1 (305).

Griechische Kustoden

Griechische Kustoden (1) vom Kopisten A auf dem 1. Recto und letzten Verso unten Mitte von f. 1 (α) bis ff. 66V (ζ), 67 (η).

Lagensignierung

(2) Vom Kopisten B ab f. 75, mit Beginn eines neuen Autors jeweils neu einsetzend: Auf dem 1. Recto oben rechts von ff. 75 〈α〉, 85 (β) bis f. 105 (δ) (mehr nicht erhalten) und von ff. 185 〈α〉, 205 (γ) bis f. 255 (η) (nur teilweise erhalten). Auf dem 1. Recto unten links nur noch f. 267 (α).

Zwei spätere Gesamtzählungen: (1) Auf dem 1. Recto unten rechts mit westlichen Ziffern, weitgehend in der Bindung verschwunden, regelmäßig erkennbar ab f. 85 (11); zuletzt auf f. 297 (33). Die Zählung setzt offensichtlich einen älteren Zustand des Ms. voraus, wo vor f. 85 eine Lage mehr vorhanden war.

(2) Auf dem 1. Recto unten rechts in der 1. Lagenhälfte Zählung mit lat. Buchstaben und westlichen Ziffern (zuerst a 1–5 auf ff. 15, zuletzt ff 1–4 auf ff. 297300); auf dem ersten Folio der 2. Lagenhälfte ein Kreuz. Diese Zählung manchmal nur schwer erkennbar, da man sie offenbar nach der Bindung zu tilgen versuchte.

Reklamanten

Waagerechte Reklamanten nur vom Kopisten A auf dem letzten Verso unten rechts von f. 10V bis f. 66V.

Anzahl der Linien

Lin. 30

Kopist

A. ff. 173V: 〈Ioannes Rhosos〉 (Omont). Mitten in De pace beginnt Rhosos nach f. 24V nochmals den Schluß von Philipp. I und den Anfang von De pace abzuschreiben, bemerkt aber den Irrtum und bricht auf f. 25 unten wieder ab. Auf f. 25V nur die breit ausgezogene Notiz von Rhosos in Rotbraun: περισσον ἐστιν τοῦτο. Schmuckleisten, Initialen, Traktattitel am Beginn sowie über den Rectoseiten und Telosvermerke in teilweise verblaßter rotbrauner Tinte. B. ff. 75304V: 〈Michael Lygizos〉 (Fuhrmann, jedoch mit der irrigen Angabe Textgeschichte Rhet. Al., S. 61: „Sämtliche Schriften, die den Inhalt des Harl. 6322 ausmachen, gehen auf dieselbe überaus sorgfältige Hand zurück‟). Zierleisten, Initialen und Titel in einem von der hellbraunen Texttinte kaum abweichenden Rotbraun.

C. f. 305.

Marginalien im ersten Teil öfters, im zweiten überwiegend vom jeweiligen Kopisten.

Die Zusammenarbeit beider Schreiber zeigt außer der Verwendung gleicher Papiersorten und dem bei unterschiedlichem Liniierungssystem gleichen Schriftspiegel der Umstand, daß Lygizos auch im ersten Teil als Marginalhand auftritt (so f. 13) und umgekehrt Rhosos den Titel über dem nachfolgenden Lygizostext auf f. 75 schreibt. Einige Marginalien von 〈Michael Apostolios〉 (z. B. f. 19, f. 75), der mit Lygizos am Urb. 47, dem gemellus von Harl. 6322, beteiligt war (vgl. auch Provenienz).

Ergänzungen zum Textbestand

Korrekturen, Lesarten, Lemmata im ganzen Ms. (vgl. unten Kopisten). Auf f. 184V von späterer Hand nur: τῷ θεῷ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων. ἀμήν.

Einband

Holzdeckel mit geraden Kanten, größer als der Buchblock. Fester gerundeter Rücken mit sechs erhabenen Bünden. Neuerer Überzug aus rotem Leder, auf den der alte Bezug des Vorder- und Rückdeckels aufgeklebt ist. Dieser zeigt eine „Harley tooling‟, wie sie von den Buchbindern Chapman und Elliot ausgeführt wurde: im Zentrum der Deckel ein karoförmig gebildetes Ornamentfeld (zum Muster vgl. W. Y. Fletcher, English bookbindings, London 1895, Taf. XLIII) in Goldprägung (ähnliche Prägung des Mittelfeldornaments auch bei der Aristoteles-Hs. Harley 5635). Randornamentik wie auf dem bei C. E. Wright, Fontes Harleiani, Taf. 1 abgebildeten Einband.

Im Vorsatz je drei moderne fliegende Blätter sowie ein älteres, hinten mit Angabe „305 folio‟; dort Wz. Wappen mit Schrägbalken und Buchstaben LVC, ähnlich Hea. 76 (ohne Datum, aber sicher 18. Jh. 1. H.).

Erhaltungszustand

Feuchtigkeitsspuren am oberen Innenrand der Seiten; der Text jedoch überall lesbar.

Geschichte

Datierung

15. Jh. 3. Viertel

Provenienz

Die Person der Kopisten weist auf ein kretisches Scriptorium. Ein Entstehen der Hs. im 3. Viertel des 15. Jh. ergibt sich einmal aus Fuhrmanns Untersuchungen, wonach sie ebenso wie Urb. 47 auf den von 〈Andronikos Kallistos〉 geschriebenen Par. 2038 (A) zurückgeht. Da nun A auch als Vorlage der spätestens 1472 gefertigten Bessarion-Hs. Marc. 215 gedient hat, diese aber eine Reihe späterer, nach der Abschrift von Harl. und Urb. angebrachter A-Korrekturen berücksichtigt, setzt Fuhrmann A, Harl. und Urb. in die sechziger Jahre (Textgeschichte Rhet. Al., S. 60–63). Ein zeitliches Indiz liefert auch die Mitwirkung von Michael Apostolios (ca. 1422–1480) an Harl. und Urb., der 1455 nach Kreta kam und von dem datierte Hss. von 1461 bis 1474 erhalten sind (zu seinen Daten vgl. z. B. E. Lobel, Mss. Poetics, S. 13 und D. J. Geanakoplos, Greek Scholars in Venice, Cambridge 1962, S. 82 sqq.).

Im 17. Jh. befindet sich die Hs. in der Cathedral Church of St. Peter and St. Wilfrid in Ripon nördlich von York. Ex libris f. 1 auf dem oberen Rand und f. 304V unten: „Liber Eccl(es)iae Coll(egii) de Ripon‟. Thomas Mangey (1688–1755), Domherr in Durham von 1721 bis zu seinem Tode (vgl. über ihn The Dictionary of National Biography, XII, S. 917; C. E. & R. Wright, Diary Humfrey Wanley, II, S. 455; C. E. Wright, Fontes Harleiani, S. 232), hat das Ms. an Harley verkauft, wie aus dem Tagebuch von Humfrey Wanley hervorgeht. Dort heißt es für den 23. 3. 1725: „My Lord sent-in a Greek Ms. brought from Rippon by by (sic) Dr. Mangey‟ (Wright, Diary Humfrey Wanley, II, S. 348) und für den 22. 6. 1726: „Dr. Mangey visiting my Lord, his Lordship agreed with him for the Greek Ms. above-mentioned in one of the Minutes of the 23 of March A. D. 1724/5. It is a folio written upon paper by divers hands and contains [folgt Inhaltsangabe]‟ (Wright, II, S. 415, eine ähnliche Notiz II, S. 421). Eintrag des Kauftages „22 die Mensis Junij/a. D. 1726‟ im Harl. 6322, f. 1 oben von Humfrey Wanley, von dessen Hand auch ein griech.-lat. Pinax auf f. 304V stammt. Possessionsvermerk von Edward Harley auf f. 1 auf dem oberen Rand rechts: „Oxford BH‟. Darunter die alte Harley-Signatur „146 D 6‟ und die gestrichene Nummer „5670‟ neben der heute gültigen „6322‟. Hier hat eine Signaturenänderung stattgefunden, zu welcher man im alten Katalog von 1759 (vgl. die bibliotheksgeschichtliche Notiz oben S. 419), II, Lage 7 K, Sp. 2 unter Nr. 6322 liest: „In folio, super pergamena. Quaedam Luciani Graece … Codex iam descriptus deest in Pluteo; et in locum ejus reponitur alius continens quae sequuntur. ὀλυνθιάκων αʹ … ῥητορικὴ πρὸς ἀλέξανδρον.‟ Die vermißte Lukian-Hs., deren Nummer unser Ms. erhielt, ist der heutige Harley 5694 aus dem 10. Jh., während mit der gestrichenen früheren Signatur „5670‟ heute ein von 〈Ioannes Skutariotes〉 geschriebener Demostheneskodex bezeichnet ist.

Bibliographie

Kat.

  • R. Nares, Cat. Harleian Mss., III, S. 356–357.

Kod.

  • H. Omont, Notes Mss. Brit. Mus., S. 342.
  • E. M. Thompson, Cat. Class. Mss., in: Class. Rev. 3, 1889, S. 154 Nr. 95, S. 441 Nr. 126. V.-G., S. 191.
  • M. Fuhrmann, Textgeschichte Rhet. Al., S. 16, 61.
  • C. E. & R. Wright, Diary Humfrey Wanley, II, S. 348, 415, 421.
  • C. E. Wright, Fontes Harleiani, S. 232, 286.

Text.

  • M. Fuhrmann, Textgeschichte Rhet. Al., S. 58, 60–64, 67 (Harl. 6322 mit B [= Urb. 47] aus A [= Par. 2038] geflossen, dessen Einteilungssystem nach Abschnitten, Kapiteln und Paragraphen an den Rändern sie übernehmen. Gemeinsame Varianten von Harl. und B auf S. 63, spezifische Merkmale von Harl. auf S. 62 genannt) .
  • M. Fuhrmann, ed. Rhet. Al., 1966, S. XXI–XXII (Zeitliche Zusammenstellung von Harl. mit Vind. Phil. 278 und Magd. 1069, die jedoch kaum zutrifft, da letztere erst der Wende des 15.–16. Jh. angehören) .
  • Demosthenes

    • E. Drerup, Vorläufiger Bericht über eine Studienreise zur Erforschung der Demosthenesüberlieferung, in: Sitz.-Ber. Akad. Wiss. München, phil.-hist. Kl., 1902, S. 287–323, dort S. 297 (Im 1. Teil der Hs. Abschrift von k [= Par. 2998], während die Kranzrede einer Überlieferung vom Stamme F [=Marc. 416] folgt. Der Text von Harl. ist teilweise als Zeuge für die alte Vulgata wichtig: in deren Archetypus A [= Mon. 485] sind am Anfang beträchtliche Stücke des alten Textes von Olynth. I–III, Philipp. I verloren, von denen auch in der ziemlich treuen A-Abschrift k sehr wenig erhalten ist, so daß Harl. hier Ersatz bietet) .

    Aischines

    • J. Taylor, ed. Aischines, 1748 (Kollation von Harl., dessen Identität aus folgender Charakteristik hervorgeht: „Asservatur in bibliotheca illustrissimi viri Edu. [= Harley] nuper comitis Oxoniensis cett. Eleganter quidem scriptus, antiquus et bonae indolis. Liber ille quondam ad ecclesiam Ripponensem in agro Eboracensi spectabat‟) .
    • J. J. Reiske, Orat. Gr., Leipzig 1771, III, S. 771 („Harleyanus item egregius est‟) und IV, S. 835 sqq. (Sigel Harl. Lesarten nach Taylor, der seine Reiske vorliegenden schedae für die eigene Ausgabe nur teilweise verwertet hatte) .
    • F. Franke, ed. Aischines, In Timarchum, Kassel-Leipzig 1839, S. XII–XIII (Sigel s. „Harleyanus in quo Timarchea deest‟ gehört mit Marc. App. VIII 4, den Par. 2998, 3002, 2996 und Urb. 116 zum „alterum genus‟. „Consentit … in plerisque cum Veneto e [= Marc. App. VIII 4]‟) .
    • F. Schultz, ed. Aischines, Leipzig 1865 (S. XXV–XXVI: Sigel s. Ist Mitglied „tertii generis‟ mit Marc. App. VIII 4 und den Par. 2947, 2998, 3002 ) .
    • E. Drerup (vgl. oben), S. 297 (Abschrift von k [= Par. 2998], für Aischines schon rein äußerlich dadurch erwiesen, „daß die in k durch Wurmfraß entstandenen Textlücken im Texte von cod. Harl. konserviert sind‟) .

    Synesios

    • ed. N. Terzaghi, Opuscula, Rom 1944, S. XXIX–XXX, L (Sigel Ψ. „Nicephori commentarius deest, sed hunc codicem ex quodam libro exscriptum esse, quo commentarius iste contineretur, facile credimus, cum 254r lyra octachordos, cui proprius et peculiaris locus apud Nicephorum erat, picta sit‟) .

Quelle

  • Aristoteles Graecus, S. 437-441 (Wiesner, Autopsie Dezember 1966).