Commentaria in Aristotelem Graeca et Byzantina

Vorstufe

Beschreibung Vind. phil. gr. 100

Nachweis: Österreich, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Vind. Phil. gr. 100
Datierung:

9. Jh. Mitte (ff. 137138: 13. Jh. 2. Hälfte)

Beschreibstoff: Pergament von mittlerer Qualität. Die nicht zum ursprünglichen Buch gehörigen ff. III, IVV wesentlich dunkleres Pergament; ff. I, 203 Schutzblätter aus Papier.
Format: ca. 192mm * 280mm
Folienzahl: V, ff. 203 (f. II ehemaliger Spiegel, f. 202 vor 1500 angebracht, f. I, f. 203 modern).

Inhalt

  • (ff. IIIIV) Evangelienfragmente: Matth. 27, 1–20; Matth. 28, 20; Mark. 16, 9–20; Luk. 24, 1–5
  • (ff. 1R55V) Phys.
  • (ff. 56R86R) Cael.
  • (ff. 86V102R) Gener. Corr.
  • (ff. 102V134R) Mete.
  • (ff. 134V137V) Theophrast, Metaphysik
  • (ff. 138R201V) Metaph.α – Ν. (Ursprünglicher Text ab f. 139, inc. mutile: Metaph. α 2, 994a 6 τοῦ ἀέρος; der zusammen mit Metaph. Α ausgefallene Beginn von Metaph. α wurde später nachgetragen.)
  • Annotationen


    a. (ff. 1RV) 10. oder 11. Jh.: Exzerpte aus Philoponos, In Phys. (CAG XVI, S. 3, 21–4, 8; s. unten Transkriptionen) bzw. Simplikios, In Phys. (CAG IX, S. 72, 7–73, 2), wohl die ältesten Zeugnisse dieser Texte (Philoponos-Exzerpte von einer Hand des 10. Jh. enthält Par. gr. 1853; vgl. Moraux, Scriptorium XXI, 1967, 29–30). Von gleicher Hand oder von zeitgenössischen tachygraphischen Händen: texterschließende Hinweise bzw. Lesarten zu Phys. II 2 (f. 7V: Unterscheidung Mathematik–Physik), Mete. I 1 (ff. 103R, 104R, 108R), Metaph. Β (f. 139V: Variante zu 995a 31; f. 140R: Varianten zu 996a 14, 996b 9; f. 142V: Variante zu 1001a 1), Metaph. Γ 1 (f. 144R: Mehrdeutigkeit des Begriffs "Sein"), Γ 2 (f. 144V: Variante zu 1003b 33; f. 145R: Unterscheidung Dialektik – Sophistik – Philosophie; Korrektur zu 1004b 25–26; f. 145V: Definition der ἀπαιδευσία in 1006a 6–8), Ε 1 (f. 157V: Dreiteilung der theoretischen Philosophie; f. 158R: Physik als primäre Wissenschaft), Metaph. Ζ 1 (f. 159R: Variante zu 1028a 18); dihäretisches Schema mit dem Textanfang von Hist. An. (f. 201V: 486a 5–6 bzw. Exzerpt von 486a 6–14).

    b. (ff. 32R, 36R, 137V, 158V und öfter) Wilhelm von Moerbeke (Brams, Vuillemin-Diem 1989, 189–192). Wilhelm hat gelegentlich Lesarten festgehalten (z.B. f. 32R: Ergänzung zu Phys. 230b 26-28 wie bei Simplikios), Korrekturen vorgenommen (z.B. f. 36: Ergänzung der im Text ausgelassenen Worte 235b 25–26 μεταβάλλει εἰς ὃ μεταβέβληκε; f. 114V zu Mete II 3, 357b 16; f. 158V zu Metaph. Ε 3, 1027b 8; f. 165V, Ζ 13, 1039a 7), galgenförmige Paragraphen angebracht (z.B. zu Mete. f. 105R, 107V usw.; Vuillemin-Diem 2008, 261) und Ausrufungszeichen bei problematischen Textstellen gesetzt (z.B. f. 148V, 149V zu Metaph.; Vuillemin-Diem 1995, 178–181). Auf dem ergänzten Blatt f. 137V erstellte Wilhelm eine Liste der Werke des Hippokrates (Vuillemin-Diem 1989, 138–140); möglicherweise geht auch die lateinische Umschrift der abgekürzten Telosformel auf f. 134R auf ihn zurück (Vuillemin-Diem 2008, 262–263).

    c. (ff.6V, 8R, 9RV, 10R, 12RV etc.) Informelle Gelehrtenhand, 14. (oder noch 13. Jh.), meist in kräftiger schwarzer Tinte (nur wenige Anmerkungen in hellbraun, z.B. ff. 12V, 20RV). Der Annotator arbeitet v.a. den Anfang von Phys., aber auch weite Teile von Mete. und den ursprünglichen Teil von Theophrasts Metaphysik systematisch durch: Korrekturen und Streichungen (z.B. ff. 8R, 11V; 19R); marginale Hinweise zum Inhalt (ff. 6V, 8R usw.); Lesarten (z.B. ff. 24R, f. 32R, f. 43R); Konjekturen (zur Arbeit am Theophrast-Text vgl. Burnikel 1973, 115–118). Die Eingriffe in Phys. entsprechen z.T. den urspünglichen Lesarten von Par. 1853 (z.B. ff. 8R, 11V: Tilgungen in 194b 36–195a 1 bzw. 199b 7; f. 32R: Zusatz zu 230b 10). Der Annotator ist evtl. mit Kopist C (siehe "Kopist") zu identifizieren, die Textinterventionen möglicherweise in größerem zeitlichen Abstand entstanden (siehe "Provenienz").

    d. (f. 201V) 5 datierte Angaben zu Kindsgeburten aus der Mitte des 15. Jh. (1447–1456), evtl. identisch mit Schreiber E (D. Harlfinger).

    e. (f. VV) Tabelle der 10 Pythagoräischen Gegensatzpaare, 15. Jh.

    f. (f. VV) Schematische Übersicht der Seelenkräfte und der physikalischen Prinzipien; (f. 22 V) Diagramm zu Phys. IV 8, 215b 22ff (Beweis gegen das κενόν): 15. Jh.

    g. (ff. 160R, 175R, f. 185V) Anmerkungen und Lesarten zu Metaph., 15./16. Jh. Ursprünglich braune Tinte auf f. 185V stark ausgeblichen (Unter UV-Licht: ταῦτα πρὸς ἐκεῖνα | συναπτέον μὴ ἔστιν | τὰ ἃ οὖν κινοῦντα. Der erste Teil des Scholions bezieht sich auf die im Text gekennzeichneten widersprüchlichen Angaben zur ὕλη in Λ 3, 1070a 10 bzw. 19; vgl. Jaeger 1957 ad loc.).

    h. (f. 202R) Auf dem ergänzten Blatt private Eintragungen für die Jahre 1504, 1508, 1509, 1519.

    i. (f. IIR = ursprünglicher Innenspiegel) Notiz eines Benutzers: + ἠρξὰμην τῆς ἀκροάσεως ἀριστοτέλους μηνὶ σεπτεμβρίω | ὢν εἴκοσι (εἵκοσι a.) καὶ ἑνὸς ἔτους (jetzt durchgestrichen), 16. Jh., 1. Hälfte

    j. (ff. 32R, 57R, 69R, 72R, 74R, 80V, 86R, 88R, 109R) Westliche Hand des 15./16. Jh.: einzelne Korrekturen zu Cael. und Gener. Corr.; Hinweis (ση〈μείωσαι〉) auf den sentenzenartigen Passus Cael. 291b 25–28.
  • Textgeschichtliches

    Vind. ist ältester Vertreter einer der beiden großen der physikalischen Pragmatien; dieser zeigt gegenüber der zweiten, hauptsächlich durch Par. 1853 repräsentierten Tradition einen sprachlich geglätteten Text (Rashed 2005, CCXXIV–CCXLII). Für den Text von Metaph., der aus separater Quelle geflossen ist (vgl. auch die Telosformel am Ende von Mete. auf f. 134R), gehört Vind. der gleichen Tradition an wie Par. 1853. Die Metaphysik des Theophrast gehört zum primären Bestand des Manuskripts (Das Opusculum ist auch in Par. 1853 in den Komplex Physik–Metaphysik–Zoologie integriert).

    Aus einer Vorlage von Vind. für Gener. Corr. wurden in Süditalien die Kodizes Leidensis Voss. Q 3 und Par. suppl. gr. 643 kopiert; das Kollationsexemplar, aus dem die Lesarten zu Gener. Corr. in Vind. entstammen, wurde erst um 1300 im Kreis von Planudes wiederentdeckt und war dann eine Vorlage für den Text in Vat. 253 (Rashed 2005, CCXXII; CCXLVI). Diese alte Handschrift oder eine Abschrift von ihr wurde wahrscheinlich auch von Theodoros Metochites in seiner Paraphrase benutzt; vgl. Rashed 2001, 59. Unter den recentiores ließen sich bisher nur wenige direkte Abkömmlinge von Vind. nachweisen, z. B. Marc. 214 (Cael.) aus dem 14. Jh. und Laur. 87, 17 (Gener. Corr.) aus dem 15. Jh. Vind. war auch eine der Vorlagen für Gener. Corr. in Alex. 87 (Rashed 2001, 200); vgl. „Provenienz“. Bedeutend wurde Vind. als Grundlage für die lateinischen Übersetzungen von Phys., Cael., Gener. Corr., Mete., Metaph. sowie Hist. An. durch Wilhelm von Moerbeke (Einzelheiten s. "Bibliographie").

    Für moderne Editionen wurde Vind. nach seiner (Wieder-)Entdeckung durch Gehrke zuerst ausgewertet von Fobes 1919, dann von Allan 1936, Ross 1936 und Jaeger 1957 (die ihn noch in das 10. bzw. 11. Jh. datierten). Die Lesarten von Vind. sind in den Editionen nicht gleichmäßig dokumentiert (zahlreiche Nachträge zu Ross 1936 (Phys.) bei Bossier, Brams 1990, 343–352; nur wenige Nachträge zu Fobes 1919 (Mete.) bei Vuillemin-Diem 2008, 147–148).

Physische Beschaffenheit

Beschreibstoff

Pergament von mittlerer Qualität. Die nicht zum ursprünglichen Buch gehörigen ff. III, IVV wesentlich dunkleres Pergament; ff. I, 203 Schutzblätter aus Papier.

Anmerkungen zum Beschreibstoff

Pergament von mittelmäßiger Qualität und unterschiedlicher Stärke, mit ursprünglichen Mängeln, die gelegentlich zu Lücken im Textfluss führen (z.B ff. 111R; 178RV). Vorsatzblätter ff. IIV wesentlich dunkleres Pergament (f. II ehemaliger Innenspiegel).

Format

ca. 192mm * 280mm

Folienzahl

V, ff. 203 (f. II ehemaliger Spiegel, f. 202 vor 1500 angebracht, f. I, f. 203 modern).

Lagen

17 × 8 (136), 1 × 2 (138; die fehlende 18. Lage wurde durch ein Bifolium ersetzt), 8 (146), 1 × 4 - 1 (149; 1 Blatt vor 150 fehlt ohne Textverlust), 6 × 8 (197), 1 × 4 (201).

Die meisten Quaternionen entsprechend der Lex Gregory gebunden (FH–HF–FH–HF). Einige Lagen sind durch Herausschneiden von je zwei Folien zustandegekommen, z. B. Lage 2 (f. 11 und f. 14 sind effektiv Einzelblätter), ähnlich die Lagen 5, 6, 12, 13, 17 usw. Manchmal fallen diese Anpassungen in auffälliger Weise mit Textzäsuren zusammen, z.B. f. 134 (Einzelblatt innerhalb des 17. Quaternios: Schluss von Mete. mit Telosformel) oder f. 149 (vorletztes Blatt eines Binios, dessen letztes Blatt entfernt wurde: Schluss von Metaph. Γ).

Griechische Kustoden

Keine ursprüngliche Lagenzählung. Griechische Kustoden in wässrig-hellbrauner Tinte jeweils auf dem ersten Recto und dem letzten Verso der Lage zentral unter dem Schriftblock (Kustode auf f. 1 fehlt). Diese Zählung schließt den nach der Mitte des 13. Jh. eingefügten Binio ff. 137138 als 18. Lage (ΙΗ) ein. Spuren einer älteren, durch Beschnitt teilweise verlorenen Lagensignierung in schwarzer Tinte am unteren Rand des 1. Rectos: ff. 1R, 9R, 17R, 25R, 33R, 44R (fälschlich ε wiederholt), 49R, 57R, 65R, 73R, 81R (erneut θ?), 113R, 137 (〈ι〉ς – Die Zählung geht also vielleicht vor die Einsetzung des Binios ff. 137138 zurück)

Lagensignierung

Moderne Zählung mit arabischen Zahlen auf dem recto oben rechts (Eine vorhergehende Zählung von gleicher Hand, welche die Vorsatzblätter einbezogen hatte, wurde komplett ausgestrichen).

Anzahl der Linien

40–41, im Metaphysik-Teil gelegentlich 42 Linien im Abstand von ca. 5mm (z.B. ff. 135136). Vorsatzblätter zweikolumnig mit 25 Zeilen.

Liniierung

Typ I 2c Lake. Als Richtmarken ca. 2mm lange Schnitte, die mit einem Federmesser parallel zu den Horizontallinien angesetzt wurden. Der Abstand der Vertikallinien auf beiden Seiten des Schriftspiegels beträgt in der Regel 7mm, kann jedoch von 6mm bis 9mm variieren. Zeilenlänge zwischen den innere Vertikalen in der Regel 118mm, im Metaphysik-Teil (ab. f. 134) nur noch 114mm. Auf den Vorsatzblättern ff. IIV keine Liniierung erkennbar, Zeilenlänge hier ca. 56mm, Interkolumnien ca. 20mm.

Kopist

Vorsatzblätter (ff. IIIRIVV) Aufrechte spitzbögige Majuskel des 9. Jh., vielleicht italogriechischer Herkunft (E. Crisci,Scrittura e civiltà 9, 1985, 143–144).

A. Zierliche, leicht rundliche Schrift des 9. Jh., mit miminaler Linksneigung auf der Linie stehend. Sehr reine Minuskel, die Form des η entspricht dem lateinischen h. Abgesehen von der s-förmigen Chiffre für καί nur wenige Abkürzungen im Haupttext: gelegentlich für -αι, γάρ, οὖν am Zeilenende; einige tachygraphische Abkürzungen nach Rasur (z.B. f. 86V: γίγνεσθαι; f. 185V: γίγνεται), Marginalien (z.B. f. 11R: ἀπό; f. 31V: ἔστιν), Interlinearien (z.B. f. 86V: κατηγορεῖται); selten nomina sacra (z.B. f. 10V, Z. 15: οὺ〈ρα〉νοῦ). Wenige echte Ligaturen (αγ, ει, εσ, εξ, εχ, στ). Der Text ist sehr sauber und weitgehend ohne Schreibfehler kopiert. Buchtitel sind in kleiner Majuskelschrift und durch Kreuze ausgezeichnet, am Anfang des Physiktexts (f. 1R) eine förmliche Initiale; sonst nur einfachste Verzierungen in gleicher Tinte (Wellenlinien, die in florale Motive auslaufen z.B. am Ende von Phys. auf f. 55V, am Ende von Mete. auf f. 134R; auch in fugam vacui: f. 32R, Z. 41). Telosformel θεοῦ χάρις τέλος auf f. 40R (Phys. VI) und f. 44R (Phys. VII), χάρις θεοῦ τέλος auf f. 134R (Mete. IV).

B. Gelehrter Redaktor von Vind., dem Kopistenkreis der "Philosophischen Sammlung" zuzurechnen (nach Irigoin 1957 identisch mit dem Hauptkopisten der Sammlung). B versieht Vind. mit waagerecht über den Buchstaben liegenden Akzenten und Spiritus sowie mit Satzzeichen in Form eines kurzen schrägen Strichs unter der Zeile (meist rechts-, zuweilen auch linksgeneigt, manchmal aus Platzgründen senkrecht oder sogar punktförmig, z.B. f. 24R). B bringt zusätzliche Paragraphenzeichen mit fetterem Strich an (häufig mit unterstehendem Häkchen), nummeriert Argumente und Distinktionen (z.B. f. 18V zu Phys. IV 2 bzw. 3) und markiert gelegentlich Passagen mit einem charakteristischen Notabene-Zeichen (z.B. ff. 9R, 88R, 172RV). Ab Phys. III ergänzt B in charakteristischer Kleinunziale texterschließende Marginalien (ff. 12R, 17V, 21V, 22R, 24R, 26V, 29V, 38V, 44V, 45R) sowie zu Metaph. schematische Darstellungen (ff. 167V, 173V); die Inhaltsangaben am Beginn von Phys. I (ff. 1V, 2R, 3R, 3V) waren wohl bereits im 13. Jh. kaum noch lesbar und wurden tw. überschrieben (f. 3V: ἀνασκευὴ τῆς Ἐμπεδοκλέους δόξης).

C. (f. 137RV): Gelehrtenhand des 13. oder frühen 14. Jahrhunderts in kräftig schwarz-brauner Tinte mit variablen Buchstabenformen und Ligaturen. Die Ergänzung des Schlusses von Theophrast, Metaphysik erfolgte wahrscheinlich im griechischen Osten (A. Jacob bei Vuillemin-Diem 1989, 167 Anm. 91). Evtl. ist C auch für einen Teil der Annotationen verantwortlich (siehe "Annotationen")

D. (f. 138R138V obere Hälfte): 13. Jh. 2. Hälfte bzw. um 1300, otrantinisch (A. Jacob bei Vuillemin-Diem 1989, 168–169)

E. (f. VV; f. 138V ab Mitte – f. 139R oben): 14.–15. Jh.

Ergänzungen zum Textbestand

Korrekturen, Ergänzungen, Lesarten vom Kopisten in eckigerer Minuskelschrift (z.B. ff. 10R, 14V, 18R; f. 118R: gelehrte Anmerkungen zur Darstellung der Windrose). Für Mete. IV (ab f. 128) Inhaltsangaben in Majuskelschrift, tw. mit orthographischen Abweichungen zum Haupttext (Fobes 1915, 189 Anm. 1). Textintegrale Diagramme zu Phys., Cael., Mete., z.B. f. 33 (Phys. V 2, 232a 29, mit Variante), f. 118R (Windrose zu Mete. II 6, 363b 12); vgl. die Umzeichnungen bei Bosser/Brams 1990, 343352 (Phys.), Vuillemin-Diem 2008, 138–144 (Mete.).

Unterteilungen des Textes durch dünne Paragraphoi in der Spalte links vom Text (häufig mit Nummerierung). Der Gebrauch kritischer Zeichen ist nicht konsistent. Asteriskos: f. 1R (Prägnante Stelle Phys. 184a 15–17), ff. 179R, 179V, 180R (Dubletten in Metaph. Κ?). Einfache Diple: f. 2R (Empedokleische Doxographie, Phys.), f. 16V (Parmenides-Zitat, Phys.), f. 44R (Empedokles-Zitat, Phys.), f. 151R (Empedokles-, Euenos-Zitat, Metaph.), f. 171R (zweifelhafte, aus Kollationsexemplar nachgetragenen Passage Metaph. Θ 1047b 20–22). Diple periestigmene: f. 7V (Zitat unbekannter Herkunft, Phys. 194a 30), ff. 86V, 99R, 99V (Empedokles-Zitate, Gener. Corr.), f. 119R (Sprichwort, Mete. 364b 13), f. 132V (Empedokles-Zitat, Mete.), f. 136R (Euripides-Zitat in Theophrast, Metaph.), f. 142V (Empedokles-Zitat, Metaph.), 148R (Empedokles-, Parmenides-Zitat, Metaph.). Diple obelismene, auswärtsgewandt: f. 23V (Athetese von Phys. 217b 12–16, mit senkrechtem Schriftzug "ἀθετοῦνται“). Einige sentenzenartige Passagen sind in Gener. Corr. durch ὡρ(αῖον) markiert (f. 89V: 318b 34–35; f. 90V: 320b 28; f. 99V: 334b 6). Zu weiteren texterschließenden Ergänzungen durch B s. "Kopisten".

Randscholien zu Metaph. Δ (ff. 150R151V) tw. nach Asklepios (CAG VI, 2). Vom Kopisten ausgeführt, jedoch in hellerer Tinte als der Haupttext und stark von Abkürzungen durchsetzt; durch eine Vielzahl unterschiedlicher Verweiszeichen mit dem Text verknüpft. Das separate Scholion am oberen Rand von f. 150 (mind. 1 Zeile Textverlust durch Beschnitt) wurde offensichtlich aus einer anderen Vorlage übernommen (Unzialschrift mit haplographischen Fehlern): 〈ἐν πάσαις ταῖς κατὰ〉 μέρος ἐπιστήμαις οἷον περὶ ἀρχῆς αἰτίου καὶ τῶν λοιπῶν καὶ ἰστέον ὅτι οὐθ' ὁμώνυμα εἰσιν οὐτε συνώνυμα 〈ἀ〉λλ' ὡς τὰ 〈ἀ〉φ' ἑνὸς καὶ πρὸς ἕν; vgl. Asklepios, In Metaph. Α–Ζ comm. (CAG VI 2, S. 303, 5–21).

Auf der freien unteren Seitenhälfte des ergänzten f. 138V und am oberen Rand von f. 139R wurde im 15. Jh. Asklepios, In Metaph. α 2, CAG VI 2, S. 120, 5–24 nachgetragen (wohl von Kopist E).

Einband

Ledereinband aus der Zeit der Präfektur G. van Swietens (zur Zeit der Untersuchung durch Pappumschlag geschützt).

Erhaltungszustand

Im inneren Teil des Buchblocks sowie im mittleren Bereich der einzelnen Folien gut, sonst in unterschiedlichem Maße angegriffen: Der Rücken ist vom Buchblock fast vollständig gelöst (Er hing zum Zeitpunkt der Autopsie nur noch am hinteren Ende an). Die Seitenränder sind stark verfärbt und brüchig, an einigen Stellen eingerissen. Schon vorher Beschnitt von bis ca. 10mm am äußeren und oberen Rand (Textverluste bei Zeichnung f. 125V bzw. Scholion f. 150). Gelegentlich Schlitze im Pergament entlang der Blindlinierung, manchmal Risse (z.B. f. 112V); f. 168 wurde genäht. Von f. 120, dem äußersten Blatt eines Quaternios, ist die obere linke Ecke weggerissen (mit einigen Buchstaben Textverlust). Das Vorsatzblatt V weist ein großes Loch auf (ohne Textverlust). Großflächige Flecken und Verfärbungen v.a. im Anfangsbereich (ff. 2 und 3R sind gemeinsam durch Flüssigkeitseinwirkung geschädigt worden) und am Außenrand, aber auch z.B. auf f. 72. Bräunliche Verfärbung (Schimmel?) auf ff. 15V, 16R.

Zu einem unbestimmten Zeitpunkt wurde um den 15. Quaternio (ff. 113120) herum – möglicherweise in Zusammenhang mit dem Riss von f. 120 – eine schmale Verstärkung angebracht, die aus dem Blatt einer griechischen Pergamenthandschrift zugeschnitten und auf f. 113 verklebt wurde. Einige Buchstaben (Majuskeln und Minuskeln) sind noch im Falz von f. 120 erkennbar, ihre Datierung ist jedoch unsicher. Das Pergamentblatt f. 202 ist spätestens für die Fortführung der Familienchronik (vor 1504) eingesetzt worden. Nach Ausweis der Notiz auf dem ursprünglichen Spiegel (f. II) war das Manuskript bereits im Osten mindestens einmal neu eingebunden worden.

Geschichte

Datierung

9. Jh. Mitte (ff. 137138: 13. Jh. 2. Hälfte)

Entstehung

Vind. entstand im Umfeld der sog. "Philosophischen Sammlung", d.h. höchstwahrscheinlich in Konstantinopel. Die Minuskelschrift der primären Ergänzungen, Korrekturen, Lesarten (siehe "Kopist") ist vielleicht ein Hinweis auf die zeitliche Priorität des Vind. gegenüber der "Philosophischen Sammlung" (Irigoin, 9). Während Vind. durch sein Liniierungsschema von der platonischen Kerngruppe der Sammlung abweicht (Irigoin 1957, 8), stimmen Folienmaße, Linienzahl und Pergament-Qualität zu dem Palimpsest-Kodex Par. gr. 2575 (Simplikios, In Cat.; Ammonios, In Int.; vgl. A. Cataldi Palau 2001, Scriptorium 2001, 254–255).

Vind. und Marc. 226 (Simplikios, In Phys. V–VIII) sind die einzigen Stücke im Bereich der Sammlung, deren die Schrift konsequent auf der Zeile steht. Marc. gr. 226 wurde vom selben Redaktor durchgearbeitet und mit Vind. gezielt inhaltlich koordiniert: Die in Marc. 226 ausgezeichneten Aristoteles-Lemmata sind in Vind. in Form (Paragraphe mit Häkchen) und Folge identisch markiert, und zwar für die bei Simplikios als Περὶ κινήσεως zusammengefassten Bücher VI, VII, VIII (bis Kapitel 4); vgl. Brams 1999, 272–73 mit Anm. 31 (272), Luna 2007, 128–131 mit Anm. 15 (130). Übereinstimmende Scholien zu Phys. V–VIII bestätigen, dass Vind. und Marc. 226 aus den gleichen Quellen schöpfen (z.B. f. 45R = Marc. 226, f. 230R; vgl. Brams 1999, 272 mit Tafeln 5, 6); gelegentliche Fehler bzw. Entzifferungsprobleme bei den Marginalien zeigen, dass diese aus Vorlagen übernommen wurden.

Indizien für unterschiedliche Herkunft der Vorlagen enthaltener Traktate: Unterschiede in der Erschließung durch primäre Scholien (besonders kompendienhafte Abschnitte wie Mete. IV, Metaph. Δ), bei der inhaltlichen Strukturierung (nach ἀπορία/λύσις, ἐπιχείρημα), Lemmatisierung (der einzelnen Metaphysikbücher), in der Verwendung kritischer Zeichen; Telosformeln am Ende individueller Bücher (f. 40R: Phys. VI, f. 44R: Phys. VII); Unterschiede in Text und Zeichensetzung bei der "Reklamante" f. 32R (Anfang von Phys. VI) gegenüber dem eigentlichen Text auf f. 32V. Dem durch seine (aus der Vorlage übernommenen) Scholien als separater Block gekennzeichneten Metaph. Δ geht ein unvollständiger Binio ohne Signatur voraus; mit dem neuen Buch beginnt ein Quaternio, dazu erfolgt ein Tintenwechsel.

Für die Herstellung der Texte in Vind. wurden verschiedene Vorlagen herangezogen, darunter solche, die den Kommentatorentexten nahestehen. Marginale und interlineare Varianten von erster Hand z.B. f. 18R zu 208b 34–35, f. 22R zu 215b 11, f. 23R zu 217b 2, f. 24R, Z. 22 und 25 supra lineam zu 218b 3 bzw. 7, f. 31V zu 229b 27 usw.; vgl. Diels 1882; Ross 1955, 103–106). Bei Korrekturen und Varianten innerhalb des Textes wurde darauf geachtet, dass die ursprüngliche Lesart lesbar bleibt (Rashed 2001, 100). Die Vorlagen enthielten selbst bereits marginale Lesarten und Anmerkungen (z.B. f. 1V, Z. 5–6 von unten, ausradiert: alternativer Text von Par. 1853 und Kommentatoren zu 185b 26–27; f. 19R, ausgestrichen: in den Text geratene kritische Randbemerkung zu 209b 34–210a 1). Solche Zusammenführung heterogener Quellen ist Kennzeichen für die Herkunft von Vind. eher aus einem Bibliotheks- als aus einem Schulkontext, möglicherweise aus gelehrten Schreibzirkeln (Cavallo 2005, 261–263). Auch Neuplatoniker-Handschriften Marc. gr. 196 (Olympiodor), Marc. gr. 246 (Damaskios), Vat. gr. 2249 (Maximus Confessor, Dionysios Periegetes) aus der "Philosophischen Sammlung" sind Montagen aus heterogenen Vorlagen (Perria 1991). Die offensichtlich übernommenen Einteilungen des Textes nach ἀπορία/λύσις und ἐπιχείρημα weisen jedoch die Vorlagen von Vind. zumindest teilweise als Schulexemplare aus (nach Westerink 1990 liegen der Sammlung letztlich Überreste der Alexandrinischen Schulbibliothek zugrunde).

Vind. repräsentiert vielleicht die zweite Stufe eines umfassenden kulturpolitischen Programms, das zunächst die Sammlung mathematisch-astronomischer, sodann Aristotelischer und schließlich Platonischer Texte vorsah (Irigoin 1957, 10; id. 1962, 298–299; Rashed 2002, 713–717). Die äußere Anlage des Manuskripts wie auch die Abwesenheit von Spuren kontinuierlicher Benutzung (s. aber "Annotationen") lassen darauf schließen, dass Vind. als ein Bibliotheks- und Referenzexemplar konzipiert wurde .

Ursprünglicher Zustand

Vind. umfasste ursprünglich wohl auch zoologische Traktate des Corpus Aristotelicum, denn das in Par. suppl. gr. 1156, ff. 13–14 erhaltene Fragment von Hist. An. scheint zu Vind. zu gehören (Übereinstimmungen in Format, Linienzahl, Liniierung und Schriftstil, allerdings ohne das für die "Philosophische Sammlung" typische Interpunktionssystem; vgl. Perria 1991, 100). Zudem wurden im unteren Bereich von f. 201 (dem letzten alten Folium) von einer Hand des 11. oder 12. Jahrhunderts die ersten Sätze von Hist. An. zu einem dihäretischen Schema angeordet, das sich wahrscheinlich auf den Beginn dieses Traktats auf dem folgenden recto bezog. Zu diesem Zeitpunkt war Vind. folglich noch ein Band von mind. 300 Folien, was dem Standard der "Philosophischen Sammlung" entspricht. Die Trennung erfolgte wahrscheinlich schon relativ früh, vielleicht um der besseren Handhabbarkeit willen bzw. zum Schutz (vgl. Whittaker, Phoenix 28, 1974, 331–354 zum Par. gr. 1962 aus der "Philosophischen Sammlung"). Als Wilhelm von Moerbeke um 1260 mit der Handschrift arbeitete (s. "Provenienz"), waren beide Teile zumindest noch zusammen verfügbar, da Par. suppl. gr. 1156 eine seiner Vorlagen für die Übersetzung von Hist. An. war (Berger 2005, 184).

Der Quaternio mit dem Ende des Theophrast-Textes und dem Beginn von Metaph. war um 1260 verloren, als Wilhelm von Moerbeke anhand von Vind. die erste Redaktion der Metaphysik-Übersetzung erstellte (Vuillemin-Diem 1986, 350–355). Die partielle Ergänzung des ausgefallenen Quaternios durch die ff. 137138 erfolgte wohl bevor Wilhelm von Moerbeke die Liste hippokratischer Werke auf f. 137V eintrug (?).

Die Vorsatzblätter mit den unzialen Evangelienfragmenten sind wahrscheinlich schon früh und noch im griechischen Osten dem Kodex vorangebunden worden (J. Gruskova, Chr. Gastgeber, Biblos 1–2, 2003, 68–69).

Provenienz

Über die frühe Geschichte des Kodex gibt es kaum Informationen. Nach einer Vermutung Westerinks ist die gesamte "Philosophische Sammlung" bald nach ihrer Entstehung in einer kaiserlichen Bibliothek in Vergessenheit geraten, "möglicherweise sogar bis zur Wiederentdeckung durch Michael Psellos" (Westerink 1990, 123). Nach Ausweis der Kommentatoren-Exzerpte, der diversen Anmerkungen und Lesarten sowie des Diagramms zu Hist. An. (siehe "Annotationen") wurde Vind. in dieser Zeit für Studienzwecke genutzt. Variae lectiones wie die zu Metaph. Β 9, 996b 9 (f. 140R) oder zu Β 4, 1001a 1 (f. 142V) zeigen, dass dabei auch Handschriften der wichtigen alternativen Überlieferungszweige kollationiert wurden.

Spätestens in der zweiten Hälfte des 13. Jh. ist der Kodex, vielleicht durch Wilhelm von Moerbeke, nach Italien gekommen (Der ebenfalls von Wilhelm benutzte Bruderkodex Marc. 226 befand sich schon zu Beginn des 13. Jh. im Besitz des Nikolaos von Ortranto; vgl. Rashed 2002). Wilhelm benutzte Vind. über einen längeren Zeitraum und an verschiedenen Orten: erste Fassungen der Übersetzungen von Mete. und Metaph. entstanden während seines Aufenthaltes in Griechenland (Nikaia bzw. Theben) vor bzw. um 1260, die späteren Rezensionen in Italien (zwischen ca. 1267 und 1287), wo Wilhelm auch die Liste der Hippokrates-Werke (f. 137V) aus Kodex Vat. gr. 276 auf den inzwischen eingefügten Ergänzungsbinio übertrug (Vuillemin-Diem 1989). Die Schrift des auf f. 138RV ergänzten Beginns von Metaph. Α hat Ähnlichkeiten mit der Organon-Handschrift in Laur. 71,11, deren Filiation in das gelehrte Milleu von Aradeo weist (Arnesano 2006, 160–161 mit Tafel 5, 184).

Um 1300 war Vind. wiederum eine der Vorlagen des Marc. gr. 214 (für Cael.), der sehr wahrscheinlich in Konstantinopel im Kreis des Planudes, möglicherweise als dessen Unterrichtsexemplar angefertigt wurde (Rashed 2001, 250–253). In das gelehrte Millieu der Hauptstadt weist auch die auf Basis von Vind. hergestellte, aus Par. gr. 1853 und Marc 211 kontaminierte Metaph.-Fassung in Vat. gr. 256 (Harlfinger 1979).

Elemente einer Famlienchronik auf f. 201 weisen Vind. in der Mitte des 15 Jh. als privaten Besitz aus. Die Ergänzung des Anfangs von Metaph. α, auch das didaktische Beiwerk auf dem letzten Schutzblatt (f. II) und auf f. 22V entstammen dieser Phase. Um 1484 befand sich die Handschrift wahrscheinlich im Patriarchat von Konstantinopel, wo sie der Megas Rhetor Manuel Korinthios für die Redaktion des Kodex Alex. 87 im Rahmen einer Aristoteles-Sammlung benutzte (Rashed 2001, 200). Anfang des 16. Jh. diente der um f. 202 erweiterte Schlußteil der Handschrift erneut als Familienchronik (Jahre 1504–1519), während die Eintragung auf f. II die Nutzung der Handschrift zum privaten Studium in dieser Zeit bezeugt. Mitte des 16. Jh. wurde Vind. von Ogier Ghislain de Busbecq, dem Gesandten des Kaisers Ferdinand I. in Konstantinopel in den Jahren 1555–1562 erworben (Kaufnotiz auf f. 3R: Augerius de Busbecke comparavit in Constantinopoli).

Frühere Bibliothekssignatur in blassbrauner Tinte auf dem unteren Rand von f. 1R: "Augustissima· Bibliotheca· Ca·sareae Vindobonensis | Codex manuscriptus Philosophicus Graecus | N. 34 ·"

Reproduktionen und Digitalisate

Bibliographie

Kat.

  • H. Hunger, Katalog der griechischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek 1: Codices historici, codices philosophici et philologici, Wien 1961(Museion N.F. 4, Bd. 1, T. 1), S. 208-209 (als Image-Datei online hier).
  • Lambeck-Kollar VII, S. 156–159.
  • Nessel IV, S. 58–59.

Kod.

  • F. H. Fobes, A preliminary study of certain mss. of Aristotle's Meteorology, Classical review XXVII, 1913, S. 249–252, hier: S. 249–250 Anm. 3 (249) (Konzise, gehaltvolle Beschreibung der Hs.).
  • B. L. Fonkic, Scriptoria bizantina. Risultati e prospettive della ricerca, Rivista di studi bizantini e neoelllenici, n.s. 17–19, 1980–1982, S. 72–118 (S. 93–99 zur Collection philosophique).
  • J. Irigoin, L'Aristote de Vienne, Jahrbuch der Österreichischen Byzantinischen Gesellschaft VI, 1957, S. 5–10.
  • L. Perria, Scrittura e ornamentazione nei codici della "collezione filosofica, Rivista di studi bizantini e neoellenici, 28, 1991, S. 45–111, hier: S. 98–101.
  • L. Perria, L'Interpunzione nei manoscritti della "collezione filosofica", D. Harlfinger, G. Prato (Hg.), Paleografia e codicologia greca. Atti del II Colloquio Internazionale (Berlin – Wolfenbüttel, 17.–21. Oktober 1983) I, Alessandria 1991, S. 199–209.
  • C. Brockmann, Scribal annotation as evidence of learning in manuscripts from the First Byzantine Humanism: the ‚Philosophical Collection‘, J. B. Quenzer, J. U. Sobisch (Hgg.), Manuscript Cultures: Mapping the Field, Berlin u. a. 2012, S. 11–31 (hier S. 14–25, figg. 3.5 zur Annotationspraxis und zum Gebrauch kritischer Zeichen durch den Kopisten und den Redaktor B).

Text.

  • H. Diels, Zur Textgeschichte der Aristotelischen Physik, Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. Abh. I, 1882, S. 1–42 (Die ältesten Textzeugen wurden von gelehrten Kopisten aufgrund mehrerer, mit Varianten versehener Vorlagen hergestellt; mit Vind. selbst war Diels 1882 noch nicht bekannt).
  • W. D. Ross, Aristotle's Physics, Oxford 1955, S. 107 (Vind. bildet mit G (Laur. 87, 6) und I (Vat. 241) sowie den eigenständigeren F (Laur. 87, 7) und H (Vat. 1027) eine von drei Handschriftenfamilien (Λ); S. 111 ("The independent value of J is not great. It is chiefly valuable as being the oldest and perhaps most careful preserver of the Λ tradition").
  • F. Bossier, J. Brams, Physica. Translatio Vetus, Leiden – New York 1990 (Aristoteles Latinus VII 1), S. 343–352 (Korrekturen und Ergänzungen zum Apparat von Ross: ca. 950 über die im Apparat der Translatio vetus bereits genannten Lesungen von Vind. hinaus).
  • P. Moraux, Aristote, Du Ciel, Paris 2003 (1. Auflage 1965), CLXVIII (Vind. direkter Nachfahr eines Translitterationsexemplars aus der 1. Hälfte des 9. Jh.), CLXXVIII–CLXXX (Marc. 214 ist ein Apographon von Vind.; weiterhin "nah verwandt": Laur. 87,17, Vind. Phil. 64, Laur. 87, 11, Ricc. 14).
  • M. Rashed, Die Überlieferungsgeschichte der aristotelischen Schrift De generatione et corruptione, Wiesbaden 2001, S. 56–57 (Alternativlesarten von Vind. sind tw. in den Text von Vat. gr. 253 (L) eingegangen), S. 101–106 (Vind. stammt mit Voss. Q 3 und Par. suppl. gr. 643 aus einer relativ reinen Abschrift eines der beiden Hyparchetypen. Kodex Laur. 87, 17 aus der Feder des Demetrios Angelos ist einziger direkter Abkömmling), nach S. 381 (Stemma).
  • M. Rashed, De la génération et la corruption, Paris 2005, S. CCXXII–CCXLIV (Gegenüberstellung der beiden Hyparchetypen: Vind. repräsentiert eine frühe Überarbeitetung des Aristotelischen Textes, die jedoch im Einzelfall allein authentische Lesarten erhält).
  • F. H. Fobes, Textual problems in Aristotle's Meteorology, Classical Philology X, 1915, S. 188–214, hier S. 211–212 (Vind. bildet mit F (= Laur. 87, 7, den Fobes fälschlich ins 14. Jh. datiert) einen der 3 Hauptzweige der Überlieferung, für Bücher II, IV treten Matr. 41 (jetzt Salm. 2747) und Par. 1880 hinzu; E (Par. 1853) ist nach Ausweis der Kommentatoren-Lemmata und -Zitate wertvoller als Vind.).
  • F. H. Fobes, Aristotelis Meteorologicorum libri 4, Cambridge/Mass. 1919 (ND Hildesheim 1967), S. VIII (Stemma).
  • A. Gercke, Aristoteleum, Wiener Studien XIV, 1892, 146–148 (Erste, grundsätzlich korrekte Einschätzungen zur Stellung des Textes in der Filiation durch den modernen Entdecker der Handschrift).
  • D. Harlfinger, Zur Überlieferungsgeschichte der Metaphysik, in: Études sur la Métaphysique d'Aristote, Actes du VIe Symposium Aristotelicum publies par P. Aubenque, Paris, 1979, S. 7–36 (S. 27 Stemma: Vind. gehört zur gleichen Rezension wie Par. 1853 (E), eine Bruderhandschrift ist aus der Gruppe ν und (ab Λ 7) Laur. 87, 12 rekonstruierbar; Vind. hat, abgesehen von der Mischhandschrift Vat. gr. 256 (T), keine direkten Nachkommen).
  • W. Burnikel, Textgeschichtliche Untersuchungen zu neun Opuscula Theophrasts, Stuttgart 1974 (Palingenesia 8), S. XXVII; 114–118 (Vind. ist für Theophrasts Metaphysik direktes Translitterationsexemplar. Insbesondere im alten Teil der Metaph. weist Vind. Zusätze und Emendationen von jener Hand auf, die auch das Bifolium ff. 137138 ergänzt hat).
  • A. Laks, G. W. Most, Théophraste, Métaphysique, Paris 1993, LXVI–LXXIII (Referat der Ergebnisse Burnikels, Kontrastierung mit den Resultaten Harlfingers zu Metaph.), LXXIX (Stemma nach Burnikel, mit Berücksichtigung der lat. und arab. Übersetzungen).
  • F. Berger, Die Textgeschichte der Historia Animalium des Aristoteles, Wiesbaden 2005 (Serta Graeca 21), S. 173–186 (Das aus Vind. stammende Fragment Par. 1156 (Sigle W) ist wie die Vorlage von Vat. 262 aus einem der beiden Hyparchtypen abgeleitet, nach Ausweis der vielen Korruptelen jedoch kaum direkt. Der verlorene Teil des Vind. war die (aus Laur. 87,04 korrigierte) Hauptvorlage der Übersetzung Wilhelm von Moerbekes).

Weitere Sekundärliteratur

  • D. Arnesano, Aristotele in Terra d'Otranto, in: Segno e testo 4, 2006, 149–190 (hier 183–184: Vind. als prominentes Beispiel für die Bedeutung von Terra d'Otranto für die Zirkulation Aristotelischer Texte zwischen Ost und West).
  • J. Brams, Guillaume de Moerbeke et le commentaire de Simplicius sur la Physique, in: R. Beyers, J. Brams. D. Sacröe, K. Verrycken (Hgg.), Tradition et Traduction. Les textes philosophique et scientifiques grecs au moyen age Latin, Leuven 1999, 265-279.
  • J. Brams, G., Vuillemin-Diem, Note concernant la collation d'un deuxième manuscrit grec de la Physique par Guillaume de Moerbeke, in: Jozef Brams, W. Vanhamel (Hg.), Guillaume de Moerbeke, Leuven 1989, 185–192.
  • G. Cavallo, Da Alessandria a Constantinopoli? Qualche riflessione sulla "Collezione Filosofica", Segno e testo 3, 2005, 249–263.
  • G. De Gregorio, Materiali vecchi e nuovi per uno studio della minuscola greca fra VII e IX secolo ,in: G. Prato, I manoscritti greci tra riflessione e dibattito. Atti del V colloquio internazionale di paleographia greca (Cremona, 4–10 ottobre 1998), Florenz 2000, S. 83–151 (hier 140–141: Vind. ist mit einigen anderen vetustissimi wissenschaftlicher Texte (Oxon. Corpus Christi College 108, Laur. 28, 18, Vat. gr. 190) Repräsentant für Normalisierung und Regularisierung der frühen Minuskel).
  • M. Hecquet-Devienne, A legacy from the Library of the Lyceum, Harvard Studies in Classical Philology 102, 2004, 171–189.
  • J. Irigoin, Survie et renouveau de littérature antique à Constantinople (IXe siécle), Cahiers de Civilisation Médiévale 5, 1962, 287–302.
  • C. Luna, Mise-en-page et transmission textuelle du commentaire de Syrianus sur la Métaphysique, in: Chr. D'Ancona (Hg.), The Libraries of the Neoplatonists, Leiden–Boston 2007 (Philosophia Antiqua 107), S. 121–133.
  • G. Vuillemin-Diem, La traduction de la Métaphysique d'Aristote par Guillaume de Moerbeke et son exemplaire grec: Vind. phil. gr. 100 (J), J. Wiesner (Hg.), Aristoteles. Werk und Wirkung. Festschrift für P. Moraux, Bd. 2, Berlin 1987, 434–486.
  • G. Vuillemin-Diem, La liste des œvres d'Hippocrate dans le Vindobenensis Phil. gr. 100: un autographe de Guillaume de Moerbeke, in: Jozef Brams, W. Vanhamel (Hg.), Guillaume de Moerbeke, Leuven 1989, 135–184.
  • G. Vuillemin-Diem ed. Metaphysica Lib. I–XIV. Recensio et translatio Guillelmi De Moerbeka. Praefatio, Leiden–New York–Köln 1995 (Aristoteles Latinus XXV 3.1).
  • G. Vuillemin-Diem ed. Meteorologica. Translatio Guillelmi De Morbeka. Editio Textus, Turnhout 2008 (Aristoteles Latinus X 2.2).
  • L. G. Westerink, Das Rätsel des untergründigen Neuplatonismus, in: D. Harlfinger (Hg.): ΦΙΛΟΦΡΟΝΗΜΑ. Festschrift Martin Sicherl (Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums, Neue Folge, 1. Reihe: Monographien, 4. Band), Paderborn u.a. 1990, 106–123.

Quelle

  • Koch, Autopsie 2009